Papierfabrik/Papiermuseum Weddersleben
Die Mühle ist bei der DGM registriert
06502 Weddersleben OT von Thale, Alte Quedlinburger Straße 2, Landkreis Harz
Koordinaten: 51.765070, 11.088975
Eigentümer(in): Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg gGmbH
Das Objekt ist nicht als Denkmal ausgewiesen.
Ehemalige Wassermühle (Papiermühle), Wasserlauf: Mühlengraben/Bode
Nutzungsarten: Papiermühle/Papierfabrik

Baujahr: 1549 Betrieb bis: 1991
Zustand: gut
Die gesamte Anlage wurde um- und ausgebaut, von der Papierfabrik sind noch Gebäude und Technikreste erhalten. Heute ist hier eine Arbeits- und Wohneinrichtung für Menschen mit geistiger, körperlicher und psychischer Behinderung.
Sie fertigen in Handarbeit hochwertige Erzeugnisse für Büro, Präsentation und Gastronomie. So wird zum Beispiel nach jahrhundertealter Tradition Papier handgeschöpft und weiterverarbeitet, es werden Buchbinderarbeiten ausgeführt und außerdem gibt es die Möglichkeit, sich zu den Öffnungszeiten das Papiermuseum anzuschauen oder in Gruppen bis zu zehn Personen nach Voranmeldung sich selbst als Papiermacher(in) auszuprobieren.

Zur Historie

Angaben zur Entwicklung finden sich u.a. auf den Webseiten der Papiermühle bzw. der Lebenshilfe selbst, eine gute Quelle für das Handwerk der Papiermacher ist aber auch die Seite Blogus. Hier sind sehr umfangreiche Informationen über Papiermühlen zu finden.

Gegründet wurde die Wedderslebener Papiermühle (so die Aussagen auf den erwähnten Seiten) von einem Papiermacher Friedrich Duricke (1549-1554) aus Abberode (vielleicht Abbenrode?) bei Ilsenburg (Harz). Er hatte vom Grafen Ulrich XII. zu Regenstein und Blankenburg das Privileg zur Anlegung der Papiermühle auf dem Grund einer damals brachliegenden Mühle, einer "wösten Möhlenstatt" erhalten. Ihm folgten im Lauf von fast 500 Jahren als Besitzer und Pächter:

  • Heinrich Storp 1554-1555
  • Christoph Bonat 1555-1564
  • Joachim Eberhardt 1564-1566
  • Daniel Otte 1566-1578
  • Heinrich und Christina Meyer 1578-1628
  • Andreas Wolters 1628-1638
  • Peter Bollau 1638-1677
  • Mathias Francke 1677-1698
  • Jacob Francke 1698-1730
  • Johann Christoph Francke 1730-1768
  • Christian Hieronymus Francke 1768-1788
  • ???
  • Leopold August Francke 1793-1845
  • Hermann August Francke 1845-1888
  • Leopold Friedrich Francke 1888-1899
  • Bussion & Hartlep danach Hartlep & Helm 1899-1902
  • Ludwig Keferstein 1902-1947
  • Kurt Keferstein 1947-1949
  • VEB Papierfabrik Weddersleben (bis 1991 als VEB Kartonagen Weddersleben) in Betrieb

Es heißt in den genannten Quellen, die Papierfabrik sei 1899 neu aufgebaut worden, ein Grund dafür ist nicht angegeben. Man kann wohl davon ausgehen, dass die alten Produktionsstätten verschlissen waren und eine bauliche und technologische Erneuerung notwendig war, um der gewachsenen Konkurrenz standhalten zu können.

Bis zum Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts verfügte die Papierfabrik über einen eigenen Bahnanschluss in Normalspur. Ein befreundeter Lokführer erzählte mir, dass er selbst hier noch Rohware angliefert habe. Das Anschlussgleis endete hier, deswegen gab es auch eine Seilzuganlage, um Waggons im Betriebsgelände ohne Lok bewegen zu können. Die verschlissene Bahnstrecke wurde dann schließlich 1975 stillgelegt und abgebaut.

Interessant finde ich die Tatsache, dass die Folge der Besitzer fast lückenlos von der "Inbetriebnahme" der mittelalterlichen Papiermühle am 24. Oktober 1549 bis zur endgültigen Abmeldung des Gewerbes nachweisbar ist. Das ist sehr selten der Fall und zeugt von der akribischen Suche in alten Dokumenten, Grund- und Kirchenbüchern usw.
Eine gute Gelegenheit, um mich bei den "Datengebern" zu bedanken. ("Blogus", die Lebenshilfe gGmbH, den Machern von WIKIPEDIA u.v.a.m)

Überliefert sind auch historische "Wasserzeichen" und "Riesaufdrucke" aus der Ära des Christian Hyronimus Francke. Wasserzeichen galten sowohl als Herkunftsnachweis und waren zugleich ein Qualitätsversprechen des Herstellers. Sie waren als filigrane Drahtgebilde in den Handschöpfsieben befestigt und wurden so in jedem Papierbogen auf ewig verankert. Wer heute Gelegenheit hat, einen alten, handgeschöpften Papierbogen gegen das Licht zu halten findet zumeist hier das Wasserzeichen als "Visitenkarte" des Papiermachers.
Der sogenannte Riesaufdruck war ebenso das Markenzeichen der Papiermühle oder Papierfabrik. Denn die fertigen Papierbogen wurden in Stapeln von 480 Blatt Schreibpapier oder 500, 250, 125, 100 bzw. 50 Bogen (je nach Papierdicke oder "Grammatur") als Druckpapier versandt. Einen solchen Papierstapel nannte man ein "Buch" und 20 Buch ergaben ein Ries, eine Bezeichnung die sich aus der arabischen Bezeichnung "rizmah" herleitet.
Diese Einschlagpapiere trugen vielfach den sogenannten Riesaufdruck", sozusagen das "Label" der mittelalterlichzen Papierproduktionsstätte in die Welt. Wikipedia Ries (Papiermaß)

Bei einer kurzen Stippvisite im Außengelände fand ich diverse Maschinen und Anlagenteile, die zum Teil die Technikgeschichte dieser Papierfabrik veranschaulichen.

Ausstellung im Außenbereich






Wer mehr zur Papierherstellung erfahren möchte, findet unter Wikipedia "Papier" ausführliche Informationen.

Ansonsten empfiehlt sich tatsächlich ein Besuch direkt im Papiermuseum Weddersleben

Papiermuseum Weddersleben, Lebenshilfe Harzkreis-Quedlinburg gGmbH, Quedlinburger Straße 2 Weddersleben
Telefon: 03946/9810130 od. 03946/98100
E-Mail: papiermuseum@lebenshilfe-hz-qlb.de
Öffnungszeiten: Dienstag und Donnerstag 10 - 14 Uhr
Preise: 2 Std. Museumsführung mit Papierschöpfen, Erw. 10 €, Kind 5 €
nur Museumsführung Erw. 5 €, Kind 3 €
Eine Voranmeldung ist immer nötig, auch zu den Öffnungszeiten oder Museumsführungen.
(Alle Angaben ohne Gewähr, Stand Januar 2020)
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letzte Aktualisierung Montag d. 11. Mai 2020