Silstedt, Lindenmühle
38855 Silstedt OT von Wernigerode, Lindenmühle, Landkreis Harz
Koordinaten: 51.865318, 10.866189
Eigentümer(in): privat
Das Objekt ist nicht als Kulturdenkmal ausgewiesen.
ehemalige Wassermühle, Wasserlauf: Holtemme/Mühlgraben
Nutzungsarten: Ölmühle, Getreidemühle

Baujahr, seit 1595 als Mühlenstandort nachweisbar, Betrieb bis 1978
Zustand: verschwunden, Wohnnutzung
Aus alten Akten geht hervor, dass an dieser Stelle bereits 1595 eine Ölmühle stand, gebaut von einem Hans Röthger. Nächster Besitzer war ein Jobst von Windheim, dem wiederum folgte 1619 Valentin Hühne, 1644 Engelhart Borchert sen. und 1652 Engelhart Borchert jun.
Im 30-jährigen Krieg scheint diese Mühle untergegangen zu sein. Erst 1716 erhält der Ölmüller Matthias Dill die Erlaubnis hier an der Stelle der heutigen Lindenmühle eine Öl- und Grützmühle zu bauen. Grundherr ist zu dieser Zeit der Graf Christian Ernst zu Stolberg - Wernigerode.

  • Den Silstedter gefällt das gar nicht, sie verbieten den Bau der Mühle worauf Dill interveniert und der Graf befiehlt, dem Dill bei 10 Talern Strafe den Neubau zu gestatten. In der Folge gibt es natürlich immer mal Streit und schließlich sollen Silstedter Bürger während der Abwesenheit des Müllers das Grundstück überfallen haben. Dill beschwert sich beim Grafen, die Silstedter halten dagegen und es kommt schließlich soweit, dass Dill die Mühle und Silstedt verlässt.

  • 1724 kommt sie an einen Heinrich Sattler, später an dessen Schwiegersohn Mathias Hampe. Als Hampe 1764 mit 77 Jahren stirbt wird dessen Schwiegersohn Christoph Georg Schmidt der Besitzer. Scheinbar betrieb das Ehepaar Schmidt die Mühle nicht selbst, blieb aber zeitlebens dort wohnen.

  • Um 1782 kam dann ein Ölmüller Johann Andreas Dieck auf die Mühle, als der 1793 starb trat Wilhelm Johann August Schwanecke die Nachfolge an. Als der 1832 starb folgte sein Sohn August Adolf und baute die Mühle zu einer Öl- und "Holländischen Graupenmühle" um. Schwanecke betrieb die Mühle bis 1872 und verkaufte dann an einen Gottlieb Glanz. Der verstarb schon 10 Jahre später, die Familie bewirtschaftete die Mühle weiter aber ohne den nötigen Erfolg. 1888 kam es zu Konkurs und Zwangsversteigerung. Aber die Mühle war scheinbar so heruntergewirtschaftet, dass sich erst im Herbst des Jahres ein Käufer fand. Der erwarb die Mühle für den "fabelhaft billigen Preis" von nur 13.300 Mark.

  • Der aus Böhmen stammende Handelsmann Joachim Dimter wurde der neue Besitzer und baute die Mühle zur Mahlmühle um. Öl wurde seitdem hier nicht mehr produziert.

  • 1894 brannte die Mühle nieder worauf Dimter an den Müllermeister Gustav Wilhelm Litgau verkaufte und nach Wernigerode zog.

  • Litgau richtete zwar die Mühle wieder her, war aber ein "Säufer, Schläger, Taugenichts und Gauner". Er soll Mahlgäste betrogen, sogar Benutzer der Feldwege bei seiner Mühle geschlagen haben, er ging auch auf nächtliche Diebestouren was durch Akten einiger Strafverfahren belegt ist. Am 20. Mai 1901 sollte es zur Zwangsversteigerung kommen, doch rein zufällig brach am 15. Mai ein Feuer aus, das wohl die gesamte Mühle und Nebengebäude vernichtete. Es heißt, die Mühle wäre zu der Zeit unbewohnt gewesen, der Gesamtschaden betrug 20.000 Mark. Die Mühle war allerdings bei der Magdeburger Feuer-Sozietät für 27.000 Mark versichert.

  • Ob Litgau die Mühle wieder aufbaute oder erst der nächste Besitzer ist nicht bekannt. Aber im Jahr 1906 verkaufte Litgau alles an einen Heinrich Kühne, der verwandelte die Mühle in eine Holzmehl- und Strohmehlmühle, das verwendete man in der Bäckerei damals zum Bestreuen der Brotbretter.

  • Kühne verkaufte dann 1919 die Mühle an einen Friedrich Becker aus Posen, dieser wiederum nach 2 Jahren an die Gebrüder Hans und Ernst Scherenberg aus Laar in Friesland, diese dann 1925 an den Missionsinspektor und Pastor Walter Jaak.

  • Jaak baute die Mühle zu einer sogenannten "Steinmetz-Mehlmühle" um. Das Steinmetz Nassmahlverfahren wird noch heute praktiziert und verspricht ein besonders sauberes und schonendes Vermahlen des Korns, so dass sehr hochwertiges Mehl produziert wird. (Kann man bei Wikipedia nachlesen.) Steinmetz-Mehl

  • Jaak verkaufte an den Kaufmann Carl Schmutzler, der die Mühle allerdings nicht selbst betrieb sondern für 250 Mark monatlich an Herbert Schulz verpachtete.

  • Offenbar liefen die Geschäfte gut, die Eheleute Schulz waren offenbar auch sehr fleißig und geschickt, sie kauften schließlich nach ein paar Jahren die Mühle zu einem Preis von 48.000 Mark.
    Die Übergabe erfolgte 1942, zu der Zeit verfügte die Mühle über eine Turbine zur Stromerzeugung und einen Dieselmotor zur Unterstützung der Wasserkraft. neben der Müllerei hatte der Betrieb zwei weitere Standbeine nämlich neben der Mehlmüllerei noch eine große Geflügelzucht sowie Garten- und Obstbau.

  • Es bestand zwar kein Vertrag mehr mit der Steinmetz AG, dennoch war die Silstedter Lindenmühle zu DDR Zeiten die einzige Mühle, die nach diesem Verfahren mahlte.

  • Geflügelzucht, Obst- und Gartenbau waren so gut aufgestellt, dass jährlich Erntehelfer aus dem nahegelegenen Harzgebiet beschäftigt wurden, außerdem holten Schulzes die Familie des Schwagers Walter Albrecht auf die Mühle und beschäftigten verschiedenen Müllergesellen, Knechte und Mägde.

  • Eigentlich sollte der jüngere Sohn die Mühle übernehmen, der aber zog es vor, "in den Westen zu gehen". Also übernahm der älteste Sohn die Mühle. Er konnte jedoch ebensowenig wie andere Müller jener Zeit, den Niedergang der Handwerksmühle aufhalten. Schließlich wurde 1978 der Mahlbetrieb eingestellt, der Müller arbeitete danach als Tankwart bei einer örtlichen LPG (Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft) und nach Jahren des Stillstandes wurde die Mühle 1992 zum Wohnhaus umgebaut. Heute stehen hier 4 Wohnhäuser.


Lindenmühle früher (Foto undatiert)
ALtes s/w Foto der Lindenmühle
Die umfangreichen Angaben zur Mühle und das alte Foto stellte Ortschronist M.B. zur Verfügung. Herzlichen Dank für die Mühe W.S.



Aktualisierung Samstag, 07.07.2018